Hannover und der Rote Faden

Es gibt Städte auf dieser Welt, die unzertrennlich mit einem Beinamen, einer Charakterisierung oder einem Gerücht verbunden sind. Paris zum Beispiel wird immer „die Stadt der Liebe“ sein, Rom eher „die Ewige Stadt“. Prominentes Beispiel hier in Deutschland ist Bielefeld, die Stadt, die es angeblich gar nicht gibt. Und Hannover? Hannover, heißt es, wäre die langweiligste Stadt Deutschlands. Ich wage die These: das ist nur ein Gerücht…

Als ich meine Cousine dieses Jahr in Hannover besuchte, wusste ich von der Stadt nicht besonders viel. Wem auch immer ich von meinem geplanten Versuch erzählt habe, guckte mich verwundert an und fragte umgehend: „was willst du denn da? Ist ja langweilig“. Daher bin ich ein wenig skeptisch hingefahren, aber meine Cousine hatte sich in den Kopf gesetzt, mir zu zeigen, dass Hannover alles andere als langweilig ist. Folgt unseren Schritten und entscheidet selbst 😉

Der Rote Faden

Was macht man als frischgebackener Tourist in einer fremden Stadt? Erfahrene wie auch unerfahrene Reisende finden den Weg zur Touristeninformation, die hilfreiche Tipps und Hinweise für alle Wissensdurstige bereithält. Meist gibt es einen guten Reiseführer und ein Ticket (oder einen Hinweis auf…) die Hop-On-Hop-Off-Busse der Stadt – eine sehr praktische Erfindung, wenn ihr mich fragt.

Hannover - Roter FadenNicht so in Hannover: dem ahnungslosen Touristen wird eine kleine Broschüre mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Hannover in die Hand gedrückt und man bekommt den Ratschlag, nur dem Roten Faden zu folgen. Erst habe ich gestaunt, bis ich – nach dem lachenden Hinweis meiner Cousine – auf den Boden geschaut habe und tada! Da war er! Der Rote Faden, der sich durch die gesamte Stadt an den Sehenswürdigkeiten vorbeischlängelt.

Auf geht‘s! Auf den Spuren des Roten Fades!

Nachdem wir dem Roten Faden einige Schritte gefolgt sind, kommen wir erstmal zu der teuersten Einkaufspassage Hannovers. Zufall oder wirkt hier das Prinzip „Touristen müssen geschröpft werden“? Ich will mal an einen Zufall glauben 😊 Besonders da der Rote Faden den kürzesten Weg zur wunderschöner Hannover Oper nimmt. Die Einkaufspassage habe ich links liegen lassen, aber bei der Oper musste ich einen Stopp einlegen.

Hannover - OperLaut Guide wurde die Oper 1852 eröffnet, brannte 1943 aus und wurde restauriert. Dieses Schicksal teilt sich das schöne Gebäude mit so manch anderen im Land…

Direkt gegenüber befindet sich auch das Varieté-Theater, so dass man sich tatsächlich im kulturellen Zentrum Hannovers fühlt.

Die nächste Station, die mich auf den Weg über den Roten Faden beeindruckt hat, ist das Staffelgiebelhaus von Ernst Grote, ein Kaufmann, der gegen Ende des 19. Jahrhundert lebte. Mir haben insbesondere die liebevollen Details am Haus sehr gefallen. Im Vergleich zum eher schlichten und pragmatischen Baustil von heute, ist die Verzierung des Staffelgiebelhauses recht einzigartig. Der Besitzer war wohl ein reicher Lebensmittelhändler und wurde durch seinen Kaffee berühmt. Ich gestehe da ahnungslos zu sein, von dem Kaffee habe ich vorher noch nie was gehört. Reisen bildet eben 😉

Nächste Station auf den Roten Faden ist die Aegidienkirche. Vor dem Zweiten Weltkrieg stand sie noch intakt da und erfüllte ihre Aufgabe als Gotteshaus. 1943 wurde die Kirche zerbombt und nur noch die Außenmauern blieben stehen. Es ist eine beeindruckende Kulisse, ähnlich wie bei der Gedächtniskirche in Berlin – nur dass die Aegidienkiche nicht ganz so berühmt ist.

Das Neue Rathaus – der nächste Halt – ist, wie in vielen anderen deutschen Städten (z.B. München) nicht mehr ganz so neu und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut. Imposant ist das Gebäude allemal, besonders wenn man weiß, dass es auf Pfählen steht, wie die Gebäude in Venedig. Notwendig wurde die Konstruktion des Fundaments durch Pfähle, weil das Rathaus auf sumpfigem Gebiet steht.

Undenkbar für unsere Zeit: der komplette Bau wurde bar bezahlt 😊 Könnten wir heute so gar nicht mehr nachvollziehen.

Ich fand das Rathausgebäude wunderbar imposant, wobei ich mir im Moment nicht so sicher bin, ob es der Stadt angemessen ist – das Rathaus ist echt recht groß. Im Vergleich zum Rathaus in Köln (eine Stadt, die doppelt so groß ist) ist das Gebäude drei Mal so groß, mindestens. Andererseits war Hannover lange Zeit Sitz des Königs von Hannover, eine Ära, die 1866 endete. Es bleibt mir ein Rätsel…

Jetzt kam der Rote Faden an Sehenswürdigkeiten vorbei, die für mich richtig interessant waren: der heutige Niedersächsische Landtag, die ehemalige Residenz der Könige von Hannover und das ehemalige Hannover Schloss der Welfen. Von außen sieht der Landtag nicht mehr wie ein Märchenschloss aus, sondern ziemlich nüchtern. Vermutlich war das Schloss schon zu Bauzeiten eher praktisch als märchenhaft geplant – es können nicht alle Schlösser so wie die Märchenschlösser Ludwigs dem II. sein, nicht wahr? 😊

Einen Hauch Geschichte konnte ich beim Zufluss der Leine auf den Landtag noch erleben, die durch eine Brücke fließt, die von fünf Flussgötter bewacht wird. Sehr schön!

Leider konnte ich das Schloss, oder vielleicht sollte ich das Gebäude nach der heutigen Nutzung benennen, den Landtag, nicht von Innen besichtigen. Na ja… gewundert hat mich das nicht, zumal es Wochenende war.

Also sind wir am Roten Faden entlang weitergelaufen und kamen zu den berühmten Nanas: „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“. Bunt und modern ragen sie in den Himmel. Ich gestehe, vorher nie von den Nanas gehört zu haben. Nachdem ich sie gesehen habe, werde ich sie nicht wieder vergessen 😊 Die Nanas, übrigens Kunstwerke der Künstlerin Niki de Saint Phalle, finden sich im Stadtbild Hannovers immer wieder, auch wenn sie manchmal, wie Ostereier, gut versteckt sind. Also – Augen auf!

Wenn ihr das Alte Rathaus und die gotische Marktkirche erreicht habt, seid ihr nicht nur mitten in der Altstadt, sondern habt bald das Ende des Roten Fadens erreicht. Ich fand die Innenstadt Hannovers ganz toll mit den vielen Fachwerkhäusern und kleinen Cafés… Wenn das Wetter mitspielt, ist ein einfach nur idyllisch. Bei meinem Besuch hat das Wetter am Nachmittag sehr wohl mitgespielt und es war ein toller kurzer Stopp mit einem leckeren Milchkaffee mitten in der Altstadt. Ich würde euch empfehlen, es genauso zu machen.

Das Alte Rathaus jedenfalls kam mir doch passender für Hannover vor. Im Vergleich zu diesem gigantischen Gebäude von vorhin, hat das Alte Rathaus eine Seele und richtig Flair.

Die letzte Station entlang des Roten Fadens ist das Haus von Gottfried Wilhelm Leibniz. Ja, der Mann von den Keksen 😊 Er war Philosoph, Mathematiker, Physiker, Jurist, Sprach- und Geschichtsforscher. WOW!, würde man heute sagen. Zu seiner Zeit (so Mitte des 17. Jahrhunderts) war es zwar auch ein Kunstwerk, aber noch im Rahmen des Möglichen.

Hannover - LeibnizhausZu der Zeit wurden Menschen wie Leibnitz, die irgendwie alles konnten, als „Universalgelehrte“ bezeichnet. Das sollte heute noch einer schaffen. Dennoch hat er nicht den Leibniz-Keks erfunden, das war Hermann Bahlsen. Es war damals einfach üblich, Lebensmittel mit den Namen berühmter Persönlichkeiten zu schmücken – das Urheberrecht war noch nicht so streng 😉

 

 

 

Gut zu wissen…

Meine Cousine erzählte mir, dass es in Hannover zwei bekannte Treffpunkte gibt. Der Eine im Zentrum der Altstadt an der „Kröpke-Uhr“. Ich selbst wäre an DER Uhr vorbeigelaufen, ohne ihr besondere Aufmerksamkeit zu schenken und dennoch ist sie in Hannover weit und breit bei Jung und Alt bekannt.

Der zweite Treffpunkt brachte mich zum Lachen: unterm Schwanz. Aha! Nachdem ich aufgehört hatte, zu lachen, erklärte mir Cousinchen, dass mit „unterm Schwanz“ die große Statue des Königs Ernst August I., die auf dem Bahnhofsvorplatz steht, gemeint ist. Muss man wissen! Jeder der, wie ich, von außerhalb kommt und als Treffpunkt „unterm Schwanz“ genannt bekommt, wir mit Sicherheit erst ein wenig staunen 😊

Fazit

Ich hatte viel Spaß in Hannover 😊 Ob es an der Stadt selbst oder an meiner Cousine oder an beidem liegt, kann ich nicht sagen. Einen Besuch in Hannover kann ich euch aber nur empfehlen, denn es gibt einiges zu sein. Immerhin war Hannover Königssitz und ist heute Landeshauptstadt. In einem anderen Artikel werde ich euch auch vom wunderschönen Park der Herrenhäuser (auch ehemaliger Sitz der Welfen) berichten. Im Sommer ist der Park mit dem angrenzenden Irrgarten ein absoluter Traum.

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8 thoughts on “Hannover und der Rote Faden

  1. Kathi Antworten

    Liebe Maria,
    das klingt nach einem großartigen Ausflug. Die Idee mit dem roten Faden finde ich gar nicht übel. Das erleichtert einem die Suche nach den wichtigsten Sightseeingspots doch ungemein. Mich würde, wie in vielen deutschen Städten, vermutlich das Rathaus am meisten interessieren. Ich danke dir für die Tipps.

    Viele liebe Grüße
    Kathi

    1. Maria Antworten

      Wenn dich die Rathäuser genauso faszinieren, wie mich Schlösser und Burgen, dann bist du in Hannover wirklich gut aufgehoben, denn es gibt zwei 😉 Das neue Rathaus ist toll und hat ein großartiges Treppenhaus, wo Nachbildungen der Stadt vom Mittelalter bis heute ausgestellt sind. Das alte Rathaus konnte ich leider nur von außen sehen, ist aber bestimmt ein Insidertipp, wenn man sie besichtigen möchte (kann man bestimmt…)
      Viele Grüße
      Maria

  2. Michaela Antworten

    Wow, was für eine tolle Idee mit dem roten Faden! Für alle, die Sightseeing und Touristenattraktionen lieben ist das bestimmt super. Ich selber versuche eher immer, den Touristenansammlungen zu entgehen – also ich könnte dann einfach versuchen dem roten Faden auszuweichen *lach*.

    Liebe Grüße,

    Michaela

    1. Maria Antworten

      Liebe Michaela,
      in Hannover brauchst du eigentlich keinen Touristenströmen auszuweichen – so viele waren es nicht 😉 Es gab schon Touristen, aber nicht mal ansatzweise so viele, wie in anderen Städten. Daher denke ich, dass Hannover immer ein wenig unterschätzt wurde. Die Idee mit dem Roten Faden fand ich auch super und würde so einen Guide in allen Städten begrüßen.
      Viele Grüße
      Maria

  3. AlexS Antworten

    Der rote Faden ist eine tolle Idee und Du hast sie schön aufgegriffen und mit tollen Bildern und Texten untermalt. Ich glaube so ein Artikel inspiriert mehr, diese Stadt mein eigenen Augen mal zu sehen, als Tonnen von Touri-Info-Broschüren.
    leibe Grüße
    Alex

    1. Maria Antworten

      Liebe Alex,
      vielen Dank! Das freut mich aber sehr!
      Ich fand den Roten Faden auch eine ganz tolle Idee, aber ich befürchte, es funktioniert nur in Städten, deren Sehenswürdigkeiten nah beieinander liegen. In Berlin, zum Beispiel, würden die weiten Strecken zwischen den Sehenswürdigkeiten so einen Fußweg verhindern. Da nimmt man doch lieber den Bus 😉
      Viele Grüße
      Maria

  4. Elena Antworten

    Liebe Maria,
    Auf den Spuren des Roten Fades – das habe ich noch nie irgendwo gesehen oder gehört. eine geniale Idee und noch dazu einfach und kostengünstig umzusetzen. Ich gestehe, dass ich als Österreicherin Hannover auch „nur“ mit den Welfen verbinde, aber wenn ich deine Bilder ansehe, dann ist mir klar, dass es mir dort gefallen würde – auch ohne Cousine 🙂
    Liebe Grüße
    Elena

    1. Maria Antworten

      Liebe Elena,
      so eine Idee ist mir auch noch nie vorher begegnet und ich fand sie richtig toll. Von den Welfen wusste ich jetzt nicht besonders viel, daher war mein Besuch in Hannover auch in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Ich habe mir in den Herrenhäuser Hannovers ein Buch gekauft und jetzt weiß ich ein wenig mehr 🙂
      Viele Grüße
      Maria

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